Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

16. Juni 2026

Kontrollverlust

Hi-T und Big Dick Energy

Nach anderthalb Wochen im Tiefkühler haben wir ihn im Garten begraben. Was bedeutet es, wenn dir plötzlich ein Haustier wegstirbt oder gar "entrissen" wird? Er war ja schon etwas klapprig... Und meine Sonnenbrille habe ich auch verloren, dachte ich. Auch die App meines Wearables zeigt Vitalparameter, die zu wünschen übrig lassen. Und habe ich nicht irgendwie einen Schnupfen (als solcher bei > 25°C nicht erkennbar) oder mindestens some brain fog? Manchmal denke ich, ich hätte die Kontrolle über mein Leben verloren.

Welche Homöostase kann man von sich selbst überhaupt verlangen, wenn sich so große, so globale Systeme wie das Klima, der Bitcoin oder die regelgeleitete Politik aus dem Gleichgewicht schaukeln? Habt ihr es gelesen: 35 °C in Berlin an einem Wochenende im Juni?

"Der Geist ist lebendig", sagt mein Physiotherapeut, "Er ist verkörpert. Das hatte die Philosophie zwischenzeitlich vergessen." Und dass ich lieb zu mir sein soll, sagt er auch – sanft, nicht so hart. Ja, "Physio", nicht "Psycho"! Er sieht es an meinen Schultern, sagt er. Alles Kompensation, alles Kybernetik mit Kontrollschleifen in einem nur schlecht zu steuernden System. 

Hatte ich bisher gar nicht gemerkt, dass ich zu hart mit mir war. Wahrscheinlich bin ich über die Jahre abgestumpft gegenüber dieser Härte mit mir selbst. Wie geht es eigentlich meinen Nächsten damit? Spüren sie meine Härte, meine Liebe? Ist es diese Härte, die die Influencer-Bros meinen, wenn sie von Hi-T (aka High Testosteron) sprechen? Ist meine Härte also eigentlich erstrebenswert männlich?

29. Mai 2026

Der nicht endenwollende Knieschuss

Gebrochene Selbstaffirmation unter den Bedingungen des digitalen Kapitalismus

Gerade lese ich Steffen Martus' Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute (Berlin 2025). Das Buch taugt nicht nur als literaturwissenschaftliches Werk unter besonderer Behandlung der jeweiligen literarischen Felder (oder "dem literarischen Feld", wenn wir bei Bourdieu bleiben wollen), in denen alle Autoren und ihre Veröffentlichungen spielen. Es taugt ganz besonders auch als soziopolitische Betrachtung unserer Gegenwart. Selten habe ich die derzeitig überaus verwirrenden gesellschaftspolitischen Entwicklungen (also eigentlich Verwicklungen) so auf den Punkt gebracht und aus großer Flughöhe analysiert bekommen.
 

XKCD: Duty Calls
 

Die eigene Befindlichkeit als ein und alles

Ein Grund für die Schwierigkeit der Gegenwartsanalyse ist ja der mangelnde zeitliche Abstand zum Untersuchungsgegenstand. Bei Martus liest man aber über Dinge, die heute geschehen, als seien sie aus geschichtlicher Perspektive mit großem Abstand beobachtbar. Immer wieder kommt er auf die offenbare Krise der Demokratie zu sprechen, die natürlich gerade auch in der Literatur behandelt wird. Besonders die Literatur, die Martus "Autosoziobiographie" nennt (Anke Stelling, Daniela Dröscher, Christian Baron), erkläre "die eigene Befindlichkeit und die Realisierung des eigenen Selbst zu einem wichtigen Gradmesser sozialer Gerechtigkeit." Daran schließen sich die zwei unten zitierten Absätze an, die mir so glasklar einen Hauptaspekt unseres derzeitigen gesellschaftlichen Seins auf den Punkt zu bringen scheinen.

19. Mai 2026

Peace Out: Rechter Pazifismus

Was steckt hinter der Liebe zum Frieden bei der neuen Rechten?

Traditionell gilt der Pazifismus als eher linkes oder christlich-humanistisches Projekt. Links entstand er aus der Überzeugung, dass Kriege meist Ausdruck von Herrschafts-, Klassen- und Machtinteressen sind und gewöhnliche Menschen für Konflikte sterben, die primär den Eliten, Staaten oder ökonomischen Systemen dienen. Die rechten Nationalisten hingegen standen für genau diese Machtinteressen, auch und gerade die, die neben "Nationalismus" das Label "Sozialismus" führen wollten. Die alte Rechte hatte regelrecht Lust am Krieg und keine Angst vor ihm. 

Give Peace a second Chance! (AI generiert, 2026)

Heute fällt auf, dass ausgerechnet rechte Bewegungen in den USA und Europa ständig von "Frieden", "Abrüstung" und "Deeskalation" sprechen. (Israels Rechte bildet in ihrer bellizistischen Siedlungslust eine offensichtliche Ausnahme.) Die neue westliche Rechte präsentiert sich zunehmend anti-interventionistisch. Sind unsere Rechten jetzt zart, friedliebend und harmoniesüchtig geworden? Auf jeden Fall sind sie wehleidig, faul und mutlos geworden. Ein Glück!

5. Mai 2026

Verschwenderisch, hell, die Nachtigall

Und die Nacht wird zur Kathedrale

Nachts, kurz vor 23 Uhr, ich bin gerade auf die kleine ebenerdige Terrasse getreten, hörte ich sie plötzlich doch. So laut, so klar, so ergreifend wie Kirchenmusik. Warum sie sich so verspätete, weiß ich nicht genau. Ich hatte sie bereits Anfang April erwartet, so wie in den anderen Jahren. Aber ich werde einer Freundin, einer Liebe keinesfalls eine Verspätung von ein paar Tagen nachtragen. Im Gegenteil: Ich war dieses Mal noch viel glücklicher als in den Jahren zuvor, noch dankbarer vor allem. Manchmal muss das Glück abwesend oder wenigstens fern sein, damit wir es wieder schätzen lernen.

Jetzt war die Nachtigall plötzlich wie aus dem Nichts, eigentlich aber aus dem südlichen Afrika zurückgekehrt. Geleitet von den Sternenmustern über dem Himmel und dem Erdmagnetfeld darunter hat sie zu mir nach Berlin zurückgefunden und gibt mir in den dunkelsten Stunden des Tages das Gefühl, dass doch alles irgendwie ok ist. Das ist schließlich kein Pfeifen im Walde, sondern ein verschwenderisches Ausgießen von Lebensenergie in der Mitte der Nacht. Alles wird gut.

27. April 2026

Für Faschismus zu inkompetent, zu faul und zu gierig

Make Amerika Fail Again

Was wird denn nun aus der Amerika-First-Politik? Kommt er wohl noch, der amerikanische Faschismus? Oder wenigstens nationaler Wohlstand in den USA? Wohl eher nicht. Kurz gesagt sehen wir in der US-Regierung eine immense Schludrigkeit, lauter gescheiterte Projekte, alles komplett unprofessionell und clownesk. Beispiele (klick drauf, um den Text zu erweitern):
 

"The Wheels have come off the Clown Car" (KI-generiert 2026)

Top 5 der meist gelesenen Artikel dieser Woche